Zu viel Sex? Über zwanghaftes Sexualverhalten und problematischen Pornografiekonsum

Seit 2022 führt die Weltgesundheitsorganisation in ihrem internationalen Diagnosekatalog (ICD-11) die „Störung mit zwanghaftem Sexualverhalten“. Betroffene versuchen wiederholt und erfolglos, ihr sexuelles Verhalten einzuschränken, vernachlässigen darüber Arbeit, Gesundheit und Beziehungen und machen weiter, obwohl ihnen das Verhalten kaum noch Befriedigung verschafft. Nach Bevölkerungsdaten trifft das auf mehrere Prozent der Erwachsenen zu, auf Männer häufiger als auf Frauen. Eine der häufigsten Ausdrucksformen ist der problematische Pornografiekonsum, der in der Öffentlichkeit meist als „Pornosucht“ verhandelt wird.
Der Vortrag gibt einen Überblick über das Krankheitsbild und seine typischen Erscheinungsformen. Dabei geht es um Fragen wie: Lässt sich überhaupt bestimmen, wann Sexualität „zu viel“ ist? Welchen Anteil haben gesellschaftliche Normen und moralische Erwartungen daran, ob jemand sein Verhalten als zwanghaft erlebt? Ist „Sexsucht“ mit Alkohol- oder Drogensucht oder Verhaltenssüchten (z.B. Kaufsucht) vergleichbar? Und welche Rolle spielt die universelle Verfügbarkeit von Pornografie für das zwanghafte Sexualverhalten?
Um diesen Fragen nachzugehen, stellt der Vortrag den aktuellen Forschungsstand vor und fasst ihn in einem übergreifenden Erklärungsmodell für zwanghaftes Sexualverhalten zusammen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf psychodynamischen Ansätzen, also auf der Frage, welche unbewussten und nicht-sexuellen Bedürfnisse sich in Sexualität ausdrücken können. Daraus ergeben sich Behandlungsperspektiven, die sich mit verschiedenen Therapierichtungen verbinden lassen, deren Ziel nicht in einem Verzicht auf Sexualität, sondern in einem besser lebbaren Umgang mit ihr liegt.
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Prof. Dr. Peer Briken
Sexualwissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie
Prof. Dr. Peer Briken ist Sexualwissenschaftler und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie. Seit 2010 hat er eine Professur für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf inne und ist Direktor des gleichnamigen Instituts. Er forscht seit Jahren zum Thema des süchtigen oder zwanghaften Sexualverhaltens und war an der Arbeitsgruppe beteiligt, die für die Entwicklung der ICD-11-Diagnose verantwortlich war.
Bild: © Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
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