Josua Handerer: Typisch neurodivergent? Zur kulturellen Aneignung, medialen Inszenierung und viralen Verbreitung psychiatrischer Diagnosen
Ein Gespenst geht um in den sozialen Medien, das Gespenst der mentalen Gesundheit.
Unter einschlägigen Hashtags wie #MentalHealth, #SelfCare oder #Healing beschreiben immer mehr Menschen ihr Befinden mit psychopathologischen Begriffen. Psychiatrische Diagnosen, einst als Stigmata bekämpft, sind dadurch zu populären Selbstbeschreibungen geworden, die in einigen Milieus nicht mehr als pathologisierend, sondern als identitätsstiftend verstanden werden. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen seit einiger Zeit die Diagnosen AD(H)S und Autismus. Da diese Störungsbilder häufig als Ausdruck einer strukturellen Andersartigkeit des Gehirns gedeutet werden (#Neurodiversity), bezeichnen sich viele Betroffene in Abgrenzung zu „neurotypischen“ Menschen als „neurodivergent“.
Der Vortrag geht der Frage nach, was es mit dem Konzept der Neurodivergenz auf sich hat und warum ausgerechnet AD(H)S und Autismus in den letzten Jahren so präsent geworden sind. Die Antwort wird dabei nicht in der neuronalen „Wetware“ Einzelner, sondern im kulturellen „Betriebssystem“ der Gegenwart gesucht. Anhand einschlägiger Memes, Social-Media-Posts und öffentlicher Stellungnahmen von Betroffenen und Expert*innen sowie eigener klinischer Erfahrungen wird untersucht, wie sich bestimmte Vorstellungen über AD(H)S, Autismus und Neurodivergenz verbreiten und zu vermeintlichen Gewissheiten verfestigen. Dabei sollen grundlegende Missverständnisse aufgezeigt und einige hartnäckige Mythen dekonstruiert werden, ohne das Leiden der Betroffenen infrage zu stellen. Ziel des Vortrags ist es vielmehr, dieses Leiden in ein neues, therapeutisch hilfreicheres Licht zu rücken.
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Josua Handerer ist Psychologischer Psychotherapeut (Systemische Therapie und Verhaltenstherapie) mit Zusatzqualifikationen in klinischer Hypnose (M.E.G.) und Gruppentherapie. Nach langjähriger Tätigkeit im stationären Setting hat er sich 2024 mit eigener Praxis in Berlin niedergelassen. Parallel dazu ist er als Supervisor in der therapeutischen Aus- und Weiterbildung tätig und lehrt an verschiedenen Instituten und Hochschulen systemische Therapie und Hypnotherapie. Er ist Mitgründer und Leiter des Ausbildungsschwerpunkts Systemische Therapie an der Psychologischen Hochschule Berlin und Co-Leiter der Berliner Regionalstelle der Milton Erickson Gesellschaft.
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