Von Langschläfern und Frühaufstehern
Der Zusammenhang zwischen Depression und Schlafrhythmus

Der frühe Vogel fängt den Wurm? Die Frage, ob und inwieweit es einen Zusammenhang zwischen depressiven Erkrankungen und dem individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus gibt, beschäftigt die aktuelle Forschung. Mit einer psychologischen Untersuchung – veröffentlicht im Paper „depression and circadian typology“ (J. Bielen et al., 2015) – wurde kürzlich ein Versuch unternommen, diesem Thema auf den Grund zu gehen.

 

Jene Untersuchung basiert thematisch auf den zirkadianen Rhythmen der Menschen. Diese beinhalten alle physiologischen Prozesse, die in einem Zeitraum von 24 Stunden gezeigt werden: So hängen Schlaf-Wach-Phasen, die Körpertemperatur, Hormonausschüttung und weiteres vom individuellen zirkadianen Rhythmus einer Person ab. Die Autoren unterschieden dabei Morgen-Personen von Abend-Personen. Eine weitere Kategorie sind Weder-Noch-Personen, die sich keiner der beiden ersten Kategorien zuordnen lassen. Eine Morgen-Person würde sich beispielsweise dadurch auszeichnen, dass sie durchschnittlich früher am Abend müde wird, früher ins Bett geht, früher am Morgen aufsteht und in den früheren Stunden des Tages die größten kognitiven Anforderungen meistern kann.

 

Ziel der genannten Studie sollte sein, die chronobiologischen Aspekte der Depression zu untersuchen. Hierfür wurden 60 Personen befragt, bei denen in der Vergangenheit bereits eine Depression diagnostiziert wurde. Diese Personen wurden mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen – 40 Angestellte eines Krankenhauses. Teilnehmer der Untersuchung sollten nun anhand eines Fragebogens, dem „Morningness-Eveningness Questionnaire“ Angaben zum eigenen Schlafverhalten machen.

 

Es zeigte sich, dass in der depressiven Untersuchungsgruppe 35 % Morgen-Personen, etwa 58 % Weder-Noch und 6.7 % Abend-Personen waren. Im Gegensatz dazu waren in der gesunden Kontrollgruppe mehr Morgen-Personen (46%), weniger Weder-Noch-Personen (48%) und 6% Abend-Personen. Depressive Patienten zeigten dabei öfter ein morgendliches Fatigue-Syndrom (Erschöpfungszustände). Es scheint also, dass depressive Personen seltener Frühaufsteher bzw. Morgen-Personen sind und eher am späteren Tag gute Leistungen in verschiedenen Bereichen zeigen, z.B. arbeiten oder studieren können. Problematisch kann dies unter Umständen im Arbeitsleben werden, besonders in Schichtsystemen, da dies häufig unregelmäßiges oder sehr frühes Aufstehen bedarf.

 

Die Studie konnte einen Hinweis darauf liefern, dass es einen vermutlichen Zusammenhang gibt zwischen Depression und gewissen Störungen des zirkadianen Rhythmus bezüglich Verhalten und Schlaf. Depression könnte einerseits als Konsequenz oder aber als Trigger von jenen Störungen in Betracht gezogen werden. So stellen Schlafstörungen ein häufiges Symptom dar, welches in allen Phasen von Depressionen gefunden werden kann und mit dieser assoziiert scheint (Benca et al., 1992; Tsuno et al., 2005). Andererseits scheinen Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus ein Risikofaktor zu sein für die Entwicklung und das Wiederauftreten von psychischen Störungen. Hervorzuheben ist dabei außerdem ein Zusammenhang zwischen gestörten zirkadianen Rhythmen und einem schlechteren Outcome der Erkrankung (Jakovljevic´ et al., 2011). Die Tatsache, dass es einen Zusammenhang zu geben scheint zwischen Störungen des Schlafrhythmus und Depression, kann und sollte neue Herangehensweisen anregen für die Behandlung der Erkrankung.

 

Antonia Schaer

 

 

Literaturverzeichnis:
Benca RM, Obermeyer WH, Thisted RA, Gillin JC (1992): Sleep and psychiatric disorders. A meta-analysis. Arch Gen Psychiatry; 49:651–68.

 

Bielen, J., Melada, A., & Markelic´, I. (2015). Depression and circadian typology. Psychiatria Danubina, Vol. 27, No. 2, pp 190-192.

 

Jakovljević M (2011): Agomelatine as chronopsychopharmaceutics restoring circadian rhythms and enhancing resilience to stress: a wishfull thinking or an innovative strategy for superior management of depression? Psychiatr Danub; 23:2-9.

 

Tsuno N, Besset A, Ritchie K (2005): Sleep and depression. J Clin Psychiatry; 66:1254–69.