The clicking cure? Wie internetbasierte Selbsthilfeprogramme
bei Depressionen helfen können

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen weltweit. Obwohl es effektive Behandlungsmöglichkeiten gibt, nehmen viele Patienten jedoch keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Gründe hierfür sind z.B. die Angst vor Stigmatisierung, mangelnde Motivation, eine negative Einstellung gegenüber Psychotherapie oder zeitliche Einschränkungen. Zudem müssen Patienten, die eine Therapie beginnen möchten, mit langen Wartezeiten rechnen. Internetbasierte Behandlungsangebote wie das Selbsthilfeprogramm Deprexis sollen diese Versorgungslücke schließen. In einer kontrollierten Studie (Randomized Control Trial, RCT), die 2012 in Behaviour Research and Therapy veröffentlicht wurde, konnten Moritz, Schilling, Hauschildt, Schröder und Treszl die bisher positiven Ergebnisse erneut validieren.

 

In der Studie wurden 210 depressive Patienten über das Internet rekrutiert, wobei die eine Hälfte (Deprexis-Gruppe) sofort, die andere Hälfte mit einer Verzögerung von acht Wochen (Kontrollgruppe) an dem Selbsthilfeprogramm teilnehmen konnte. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte sich bei der Deprexis-Gruppe eine signifikante Verbesserung der depressiven Symptomatik. Darüber hinaus verbesserten sich alle sekundären Variablen (u.a. Lebensqualität, dysfunktionale Einstellungen, Selbstwert) – und zwar unabhängig davon, ob per-protocol (d.h. nur vollständige Datensätze werden analysiert) oder per intention-to-treat (d.h. alle zu Anfang eingeschlossenen Teilnehmer werden analysiert, auch wenn sie das Programm nicht bis zum Ende durchgeführt haben) ausgewertet wurde. Die Symptomverbesserungen zeigten sich v.a. bei Patienten mit einer moderaten depressiven Symptomatik. Während zu Beginn 38% glaubten, nicht von dem Programm profitieren zu können, bewerteten es im Nachhinein zwei Drittel der Probanden als hilfreich.

 

Ein weiterer Erfolg der Studie bestand darin, bisherigen Schwierigkeiten bei internetbasierten Selbsthilfeprogrammen entgegenwirken zu können. Mithilfe von Gutscheinen und Erinnerungsemails waren die Autoren in der Lage, die bisher hohen drop-out Raten bei internetbasierten Behandlungsstudien zu reduzieren und eine vergleichsweise hohe Abschlussrate von 82% zu erzielen. Darüber hinaus stimmten 26% der Teilnehmer freiwillig zu, dass die Studienleiter ihre Therapeuten bezüglich ihrer Diagnose kontaktieren dürfen. Im Vergleich zu bisherigen Studien wurde dadurch eine relativ hohe externe diagnostische Validierung ermöglicht. Indem darüber hinaus auf diagnostische Interviews und therapeutische Anleitung oder Feedback während der Teilnahme an Deprexis verzichtet wurde, ergab sich schließlich ein sehr naturalistisches Setting und eine entsprechend hohe externe Validität.

 

Verschiedene Aspekte der Studie lassen sich allerdings auch kritisieren. Neben der eher kleinen Stichprobengröße besteht ein weiterer Nachteil darin, dass ausschließlich Selbstbeurteilungsfragebögen verwendet wurden. Außerdem wurden die Studienteilnehmer lediglich über das Internet rekrutiert. Deshalb ist anzunehmen, dass sie sich im Umgang mit Internet und Computern besser auskennen oder vielleicht sogar insgesamt mehr Freude an Computerarbeiten haben. Um eine größere Generalisierbarkeit zu erreichen, wäre es in zukünftigen Forschungsarbeiten zu Deprexis sinnvoll, die Teilnehmer über verschiedene Bereiche, z.B. auch in Praxen und Kliniken zu rekrutieren. Zudem sollten auch Langzeiteffekte anhand von Katamnesen untersucht werden.

 

So funktioniert Deprexis

Deprexis ist ein 12-wöchiges internetbasiertes Selbsthilfeprogramm, das auf verschiedenen Bereichen der Kognitiven Verhaltenstherapie basiert und zehn Module beinhaltet: Darunter Psychoedukation, Verhaltensaktivierung, kognitive Umstrukturierung, Akzeptanz und Achtsamkeit, Interpersonelle Fähigkeiten, Entspannung und gesunder Lebensstil. Außerdem werden Übungen zu Problemlösen, Kindheitserfahrungen und frühe Schemata, Positive Psychologie sowie Träume und emotionsorientierte Interventionen angeboten. Die Module werden online in Dialogform vermittelt, wobei die Teilnehmer auf Textpassagen mithilfe von Multiple-Choice Antwortmöglichkeiten reagieren können. Außerdem werden die Übungen entsprechend den Angaben und Bedürfnissen der Patienten sequentiell dargeboten und können im Verlauf wiederholt werden. Die Bearbeitungsdauer eines Moduls schwankt je nach Bearbeitungsgeschwindigkeit zwischen zehn und 60 Minuten. Vor jeder Übung werden die Patienten angehalten einen Stimmungscheck zu bearbeiten.

 

Leonie Kogge

 

Originalliteratur:

Moritz, Schilling, Hauschildt, Schröder und Treszl (2012). A randomized controlled trial of internet-based therapy in depression. Behaviour Research and Therapy, 50, 513-521. doi: 10.1016/j.brat.2012.04.006