Sind Bipolare Störungen zum Teil Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Wenn man an die Ursachen psychischer Störungen denkt, fallen einem Stichworte wie „genetische Belastung“, „Stoffwechselveränderungen im Gehirn “ sowie „Stress“ ein. Kaum denkt man jedoch dabei an einen möglichen Zusammenhang zu unserem Gefäß- bzw. dem Herz-Kreislauf-System. Anders bei der manisch-depressiven Erkrankung. In der Fachsprache Bipolare affektive Störung (BS) genannt, ist die Erkrankung durch einen Wechsel zwischen depressiven und manischen/hypomanen Episoden gekennzeichnet, welche mit extremen Veränderungen in der Stimmung, im Antrieb und Aktivitätsniveau sowie im Denken einhergehen.

 

Aktuelle Studien geben Hinweise darauf, dass die BS zum Teil eine kardiovaskuläre Erkrankung sein könnte und im Rahmen der biologischen Forschung sowie der Patientenbehandlung als solche betrachtet werden sollte (Goldstein, Schaffer, Wang, & Blanco, 2015). In ihrer epidemiologischen Studie berichten Benjamin Goldstein und Kollegen (2015) über Inzidenzen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) in einer großen repräsentativen Stichprobe aus der US-Bevölkerung. Mehrere Tausende Studienteilnehmer meldeten innerhalb von drei Jahren ihre vom Hausarzt gestellten neuen Diagnosen (z.B. Herzinfarkt, -insuffizienz, -rhythmusstörungen, Bluthochdruck). In diesen 3 Jahren erkrankten Menschen mit Bipolarer Störung erheblich häufiger und früher an kardiovaskulären Erkrankungen als Erwachsene ohne affektive Störungen oder Erwachsene mit unipolaren Depressionen (UD).

 

Durch die große Stichprobe (n = 1,047 Teilnehmer mit BS-I, n = 392 mit BS-II, n = 4,396 Erwachsene mit UD, und n = 26,266 Kontrollprobanden) war es den Autoren möglich die Ergebnisse von vielen möglichen Einflussvariablen zu bereinigen, darunter solchen Faktoren wie das Alter, Geschlecht, Rasse, Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum, Übergewicht und Bluthochdruck. Unabhängig von diesen Faktoren, war die Chance innerhalb von drei Jahren an einer HKE zu erkranken bei BS-Betroffenen um das 2-fache höher als bei UD-Betroffenen und sogar um über 2,5-fache erhöht verglichen mit der Allgemeinbevölkerung ohne affektive Störungen. Außerdem traten die Neuerkrankungen in der BS-Gruppe im Durchschnitt 8-10 Jahre früher als in der UD-Gruppe auf, und sogar 14-17 Jahre früher verglichen mit der Kontrollgruppe. Weiterhin ist für die Aussagekraft der Studie wichtig anzumerken, dass viele BS-Betroffene nie in ihrem Leben medikamentös behandelt wurden, sodass die Studienergebnisse nicht alleine durch Nebenwirkungen der Medikamente zu erklären sind. Außerdem wurden die untersuchten Studienteilnehmer nicht aus einem bestimmten psychiatrischen Versorgungsbereich selektiert, sondern stellen eine repräsentative Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung der USA dar.

 

Bereits in 2009 demonstrierten Goldstein und Kollegen, dass Patienten mit Bipolar I Störung sowie die therapeutische Förderung eines gesunden Lebensstils der Betroffenen. Die zukünftige Ursachenforschung des Krankheitsbildes braucht nun neue Erklärungsmodelle, welche die Zusammenhänge zwischen dem kardiovaskulären und dem zentralnervösen System für die Krankheitsentwicklung genauer erleuchten könnten.

 

Olga Shmuilovich

 

 

Literaturverzeichnis:

Goldstein, B. I., Schaffer, A., Wang, S., & Blanco, C. (2015). Excessive and premature new-onset cardiovascular disease among adults with bipolar disorder in the US NESARC cohort. Journal of Clinical Psychiatry, 76(2), 163-169. doi: 10.4088/JCP.14m09300

 

Goldstein, B. I., Fagiolini, A., Houck, P., & Kupfer, D., J. (2009). Cardiovascular disease and hypertension among adults with bipolar I disorder in the United States. Bipolar Disorders, 11(6), 657-662. doi: 10.1111/j.1399-5618.2009.00735.x