Schon gewusst? – Faktencheck Psychotherapie

 

Jährliche Rate psychischer Störungen konstant bei etwa 30%

 

Der Bundes-Gesundheitssurvey aus dem Jahr 1998 weist eine Häufigkeit (Jahresprävalenz) psychischer Erkrankungen von ca. 31% für die Gruppe der 18 bis 65-Jährigen aus. Ein Wert, der in den letzten zwei Jahrzehnten nahezu konstant geblieben ist, wie die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1-MH ) des Robert-Koch-Instituts und der Technischen Universität Dresden, bei der Befragungen aus 1998 mit 2012 verglichen wurden, zeigt. So liegt die aktuelle 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen bei 29,9%, schließt man auch die 65 bis 79-Jährigen mit ein, bei 27,7% (Jacobi et al., 2014).

 

Dass dennoch immer wieder von einer Zunahme psychischer Störungen die Rede ist, lässt sich an den Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen ablesen, wonach in der Tat immer mehr psychische Störungen diagnostiziert werden. Auch dort findet sich heute die Rate von ca. 30%, was darauf hin deutet, dass die aktuellen Abrechnungsdaten die tatsächliche Krankheitshäufigkeit eher widerspiegeln als noch vor einigen Jahren. Das heißt: Nicht die psychischen Erkrankungen an sich nehmen zu, sondern das Wissen und Bewusstsein für die Erkrankungen – sowohl auf der Seite der Patienten als auch der Behandler. Dieses Verhältnis von „wahrer Prävalenz“ aus Bevölkerungsstudien und „administrativer Prävalenz“ aus Abrechnungsdaten wird genauer erläutert bei Jacobi, Bretschneider und Müllender im BKK Gesundheitsatlas(2015, S. 63-71) sowie im Beitrag „Der Hype um die kranke Seele“ (Jacobi, 2012).

 

 

Jedes 5. Kind ist psychisch auffällig

 

Bei Kindern und Jugendlichen finden sich etwas niedrigere Prävalenzraten psychischer Erkrankungen als bei Erwachsenen. Unterschiedliche Studien schwanken zwischen 10% und mehr als 30%, wie eine Meta-Analyse von Barkmann & Schulte-Markwort (2010) zeigt. In der KiGGS-Studie (2007) fand das Robert-Koch-Institut bei 20% der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten, wobei von einer psychischen Krankheit nur in jedem 10. Fall die Rede ist. Bei den Krankheitsbildern überwiegen gemäß dieser Studie Angst und Depression, rund jedes fünfzigste Kind leidet unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

 

 

Frauen sind häufiger psychisch krank

 

Frauen (33,5 %) sind nach einer Studie von Jacobi et al. (2014) häufiger von psychischen Störungen betroffen als Männer (22,1 %). Dies gilt vor allem für Angsterkrankungen und Depressionen, an denen Frauen etwa doppelt so häufig erkranken. Die substanzbezogenen Störungen sind dagegen bei Männern (8%) stärker ausgeprägt als bei Frauen (3,5%).

 

 

Mehrfachdiagnosen sind die Regel

 

Rund 40% aller Menschen mit psychischen Störungen haben mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Damit sind solche Mehrfachdiagnosen (man spricht auch von „Komorbidität psychischer Störungen untereinander“) eher die Regel als die Ausnahme (Jacobi, Klose & Wittchen, 2004 ; Jacobi et al., 2014). Jeder zehnte hat sogar vier oder mehr Diagnosen.

 

 

„Burnout“ ist eigentlich keine echte Diagnose!

 

Das stimmt zumindest für die Internationale Nomenklatur psychischer Störungen (ICD): Entgegen der öffentlichen Relevanz und großer Popularität des „Burnout“-Begriffs kann dies nicht als psychische Störung diagnostiziert werden, da es kein entsprechendes Störungsbild in den ICD-10 Leitlinien gibt, sondern eine sogenannte „Zusatzkodierung“ (Personen, die das Gesundheitswesen aus sonstigen Gründen in Anspruch nehmen). Zudem gibt es kein diagnostisches Instrument, mit dem man den „Burnout“ valide und zuverlässig erfassen kann. Insofern sind auch epidemiologische Daten kaum vorhanden bzw. wenig aussagekräftig.

 

Dennoch ist das Problem arbeitsbezogener Erschöpfung nicht von der Hand zu weisen und sollte ernst genommen werden. Heute werden Burnout-Beschwerden oftmals als Depression oder Anpassungsstörungen erfasst. Das bringt auch Probleme mit sich, da es zu Fehlbehandlungen kommen kann – oder bei Nicht-Diagnose zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands und ggfs. Ausprägung einer psychischen Störung.

 

Interessanterweise wird im klinischen Alltag die „Burnout“-Zusatzkodierung häufiger bei Personen mit höherem sozioökonomischen Status und die Diagnose „Depression“ eher bei Personen mit niedrigerem sozioökonomischen Status vergeben – obwohl sich dies eigentlich stark überlappen sollte. Siehe hierzu Hapke et al. (2012) und Maske et al., (2014).

 

 

Psychotherapie wirkt!

 

Das ist eine These, die heute als unbestritten gelten kann. Zahlreiche Studien weisen hohe „Effektstärken“ aus, mit denen eine Veränderung im Vergleich zur Kontrollgruppe erfasst wird. Einen umfassenden Überblick bietet eine Zusammenfassung von Margraf („Kosten und Nutzen der Psychotherapie“, die 2009 im Springer Verlag erschienen ist. Hier werden insbesondere für die Verhaltenstherapie sehr gute Wirksamkeitsbelege sowie auch sehr positive Kosten-Nutzen-Relationen angeführt. Eine Zusammenfassung von Leichsenring & Rabung, die 2008 im renommierten Journal of the American Medical Association publiziert wurde, kommt – wenn auch auf etwas schmalerer Datenbasis – zu ähnlichen Ergebnissen für psychodynamische Therapien (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie Psychoanalyse).

 

Diese Resultate spiegeln sich auch in unserem Gesundheitssystem wider: Drei therapeutische Richtungen, die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Therapie und die Verhaltenstherapie sind als sogenannte „Richtlinienverfahren“ vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GB-A), der über eine Zulassung für die gesetzlichen Krankenkassen entscheidet, anerkannt.

 

 

Therapie ist nicht gleich Therapie

 

Neben den Therapieschulen existieren für zahlreiche Störungen mittlerweile spezielle Behandlungskonzepte, zum Beispiel die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Borderline Persönlichkeitsstörungen. Ob und welche Psychotherapien indiziert sind, findet sich in sogenannten Behandlungsleitlinien, z.B. den S-3 Leilinien oder der NICE-Guidance.

 

Im Vergleich zu medikamentöser Therapie zeigt sich im Übrigen oftmals der Effekt, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen eine psychotherapeutische Behandlung deutlich seltener abbrechen und die Effekte insgesamt nachhaltiger sind.

 

 

Unterversorgung bei psychischen Störungen

Nur 40% aller Menschen mit einer psychischen Störung werden mit Blick auf diese Erkrankung auch behandelt (Wittchen & Jacobi, 2005) – die meisten im primärärztlichen Sektor und nur eine Minderzahl im psychiatrisch-psychotherapeutischen Sektor. Das heißt, dass viele Menschen mit psychischen Problemen nicht adäquat versorgt werden.

 

 

Patienten warten im Schnitt drei Monate

 

Nach einer bundesweiten Umfrage der Landes- und der BundesPsychotherapeutenkammern (BPtK) warten psychisch kranke Menschen in Deutschland durchschnittlich 12,5 Wochen auf ein Erstgespräch beim niedergelassenen Psychotherapeuten. Noch länger sind die Wartezeiten in ländlichen Kreisen (14,5 Wochen) und im Ruhrgebiet (17 Wochen). Bundesweit fehlen nach Angaben der BPtK mindestens 3.000 psychotherapeutische Praxen. Dieses Mangelangebot führe nicht selten dazu, dass sich psychische Erkrankungen verschlimmern oder chronifizieren.

 

Immer mehr gesetzlich Versicherte nutzen diesbezüglich das sogenannte Kostenerstattungsverfahren für die Behandlung in einer privaten psychotherapeutischen Praxis. Parallel hat sich die Zahl derer, die sich stationär im Krankenhaus behandeln lassen, seit 1990 mehr als verdoppelt, wie die BARMER GEK in ihrem Krankenhausreport bescheinigt.