Neue Besen kehren gut – oder:
Warum Erfahrung in der Therapie nicht alles ist

Bei der Wahl eines Therapeuten stellt die Frage der Berufserfahrung für viele Pateinten ein wichtiges Kriterium dar. Gerade für junge Psychotherapeuten bedeutet dies oftmals eine besondere Herausforderung. Eine aktuelle Studie von Vollmer et al., die im Jahr 2013 in „frontieres in Psychology“ erschienen ist, liefert einen Hinweis darauf, dass der Stellenwert des Erfahrungshorizonts differenziert betrachtet werden sollte. In ihrer Studie gehen sie der Frage nach, inwiefern sich Ausbildungsstatus (Psychologiestudium versus Ausbildung zum Psychotherapeuten) und berufliche Erfahrung auf die klinische Expertise auswirken. Dabei zeigt sich, dass Therapeuten, die sich in der postgradualen Weiterbildung befinden, hinsichtlich ihrer klinischen Kompetenz nicht schlechter, sondern oftmals sogar besser abschneiden als erfahrene Therapeuten. Erfasst wurde u.a. das Wissen um klinische Krankheitsbilder, die Fähigkeit, richtige Diagnosen zu stellen, Fallkonzeptionen zu erarbeiten und Behandlungen zu planen.

 

Insgesamt wurden zwei Studien durchgeführt. In der ersten wurden 55 Psychologiestudenten (darunter 20 Studienanfänger, 20 Studierende mittleren und 15 fortgeschrittenen Semesters), 15 Psychotherapeuten in Ausbildung und 15 erfahrene Verhaltenstherapeuten mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung gebeten, einen Wissenstest zu absolvieren sowie eine Case Study zu bearbeiten. Bei dem Wissenstest handelte es sich um Multiple-Choice-Aufgaben sowie offene Fragen. Abgefragt wurde psychologisches Grundlagenwissen (z.B. Verstärkerpläne), die Fähigkeit, dieses Wissen auf den klinischen Bereich anzuwenden (z.B. Mowrers 2-Faktorentheorie) sowie klinisches Wissen (z.B. Kenntnisse über Schizophrenie). Im Ergebnis zeigen Studienanfänger beim Grundlagenwissen erwartungsgemäß die besten Resultate, während Studierende mittleren Semesters bei der Anwendung des Grundlagenwissens die höchsten Werte erreichen. Das klinische Wissen nimmt im Laufe des Studiums kontinuierlich zu und erreicht den höchsten Wert während der therapeutischen Weiterbildung. Anders als nach der bisherigen Studienlage zur Entwicklung von Expertenwissen zu erwarten wäre, nimmt der klinische Kenntnisstand bei den erfahrenen Therapeuten aber nicht weiter zu, sondern diese schneiden sogar signifikant schlechter ab als die Psychotherapeuten in Ausbildung.

 

Ähnliche Ergebnisse zeigen sich bei den Case Studies. Im Zuge der Fallbearbeitung wurden klinische Kompetenzen untersucht, darunter die Wiedergabe fallbezogener Informationen oder die Fähigkeit, die richte Diagnose zu stellen und zu erläutern. In den Ergebnissen zeigt sich eine kontinuierliche Zunahme klinischer Kompetenzen vom Studienanfänger bis zum Psychotherapeuten in Ausbildung – und eine Abnahme dieser Kompetenz bei den Berufserfahrenen. Lediglich bei der Diagnosestellung konnten die erfahrenen Therapeuten ähnliche Werte wie die Ausbildungskollegen erzielen.

 

Um nicht nur deklaratives Wissen zu überprüfen, sondern auch die Fähigkeit, mit sehr komplexen klinischen Fragestellungen umzugehen, wurde eine zweite Studie mit einer geringeren Stichprobe (n=15) durchgeführt – darunter fünf Psychologiestudenten am Ende ihres Studiums, fünf Therapeuten in Ausbildung und fünf erfahrene Therapeuten. Keiner der Teilnehmer hatte an der ersten Studie teilgenommen. Den Teilnehmern wurde in drei Schritten Informationen zu einem Fall präsentiert: grundlegende Informationen zum Patienten, Details zur Fallhistorie sowie Informationen zum Verlauf des Therapieprozesses. Gemessen wurde jeweils, wie die Teilnehmer die Informationen reflektierten und verarbeiten, indem sie „laut denken“ sollten. Per Interview wurde zudem nach jeder Informationsdarbietung die vermutete Diagnose, Differentialdiagnose und der Behandlungsplan abgefragt. Die Protokolle und Interviews wurden von einem erfahrenen Supervisor ausgewertet. Dabei zeigte sich analog zur ersten Studie, dass die Psychotherapeuten in Ausbildung sowohl bei der Diagnose, als auch bei der Fallkonzeption und dem Behandlungsplan besser abschnitten als Studierende sowie auch erfahrene Psychotherapeuten.

 

Die Studie von Vollmer et al. liefert spannende Einblicke in den Wissenstand von Psychologiestudierende und Psychotherapeuten, wobei es nicht überraschend erscheint, dass Ausbildungsteilnehmer, die im Zuge ihres Curriculums ein wiederholtes Training klinischer Inhalte absolvieren, besonders gut abschneiden. Bemerkenswert ist der Wissensabfall in der Gruppe der erfahrenen Psychotherapeuten, der trotz der Pflicht zur kontinuierlichen Weiterbildung zu verzeichnen ist. Bei der Diskussion geben die Autoren als wichtige Limitierung an, dass es sich bei diesem Ergebnis vor dem Hintergrund der Querschnittstudie auch um einen Kohorteneffekt handeln könnte, da die erfahrenen Therapeuten im Zuge ihrer Qualifizierung ggfs. eine weniger systematische Ausbildung erfahren hatten. Neben der geringen Stichprobe, die vor allem die Aussagekraft der zweiten Studie deutlich einschränkt, ist kritisch anzumerken, dass die Untersuchung nicht in einem psychotherapeutischen Setting durchgeführt wurde, so dass eine Übertragbarkeit auf den therapeutischen Alltag nur begrenzt gegeben ist. In diesem Kontext ist auch die Operationalisierung klinischer Kompetenz kritisch zu hinterfragen: So wurden weder unspezifische Wirkfaktoren noch das Wissen um Interventionen oder die Fähigkeit, diese auch erfolgreich anwenden zu können, erfasst.

 

Schlussendlich erlaubt die Studie nur Aussagen über klinisches Wissen und grundlegende Kompetenzen von Therapeuten als Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung – aber keine Vorhersagen über den Therapieerfolg selbst, da dieser im Rahmen der Studie nicht berücksichtigt wurde. Dennoch: Trotz dieser Kritikpunkte kann sie gerade jungen Therapeuten gute Gründe für ein gesundes Selbstvertrauen in der therapeutischen Arbeit geben.

 

Andreas Leisdon