Der Mythos über Schizophrenie als progrediente Erkrankung

Eine Rezension vorhandener Evidenz aus Längsschnittstudien.

 

In der Geschichte der Psychiatrie wurden Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis lange als progrediente Hirnstörungen angesehen, welche vergleichbar mit Demenz sich über Jahre verschlechterten und mit neurodegenerativen Veränderungen in Gehirn, kognitiven Leistungsverlusten sowie sozialen Funktionseinbußen einhergingen. Zipursky, Reilly, und Murray (2013) sichteten die vorhandenen Längsschnitt-Studien mit Hinblick auf die Entwicklung der klinischen Symptomatik, strukturellen Veränderungen des Gehirns und der kognitiven Funktionsfähigkeit der Betroffenen, um herauszufinden, ob die Bewertung von Schizophrenie als eine neurodegenerative Erkrankung gerechtfertigt ist. Dabei stellten sie zwei Fragen:

 

1) Resultieren die Funktionseinbußen aus stabilen Defiziten, die sich am Anfang der Erkrankung etablieren, oder aus einer zunehmenden Verschlechterung der Funktionen im Verlauf der Krankheit?

 

2) Spiegeln die funktionalen Einbußen die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen wieder oder einen kumulativen Effekt von nachteiligen sozialen Faktoren und deren Interaktion mit den Betroffenen?

 

In den ersten Jahren nach einer ersten psychotischen Episode ist die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Psychose ohne Medikation etwa genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit einer stabilen Remission (Symptomrückbildung) unter konstanter Medikation und liegt bei etwa 70-80%. Remittierte Patienten erreichen jedoch noch lange nicht das angestrebte Funktionsniveau und die entsprechende Lebensqualität. Etwa 40% der Patienten können nach der ersten Psychose ihren sozialen und beruflichen Status wiederherstellen und diesen innerhalb von zwei bis fünf Jahren aufrechterhalten. Etwa 25% der Betroffenen haben einen schweren chronischen Verlauf der Erkrankung, welcher bereits in den ersten zwei Jahren nach dem ersten Ausbruch der Psychose die Invalidität und Symptomschwere 15 Jahre später vorhersagen kann. Die Autoren fassen zusammen, dass symptomatische und funktionale Remission einerseits sowie schwere Verläufe andererseits über eine lange Zeitspanne relativ stabil bleiben, was nicht mit der Annahme von Schizophrenie als einer progressiven Erkrankung übereinstimmt.

 

Weiterhin fanden die Autoren keine Befunde aus den Längsschnittstudien, welche eine toxische Wirkung von Psychosen auf die Gehirnsubstanz untermauern konnten. Stattdessen existieren Tier- und Menschenstudien, welche die bislang gefundenen strukturellen Veränderungen im Gehirn zum Teil auf bestimmte antipsychotische Medikation zurückführen. Außerdem existiert Evidenz dafür, dass Cannabis-, Nikotin- und Alkoholmissbrauch zu ähnlichen Volumenreduktion der grauen Substanz führen – sowohl bei Individuen mit Psychoserisiko als auch bei Kontrollprobanden. Weitere Faktoren, die zu Veränderungen der Hirnmasse beitragen könnten, sind erstens ein bewegungsarmer, passiver Lebensstil sowie zweitens die erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen, welche man bei Betroffenen beim Ausbruch einer Psychose feststellen kann.

 

Im Bereich der kognitiven Leistungsfähigkeit gibt es klare Ergebnisse, welche dem Vergleich von Schizophrenie mit einer progressiven Demenz widersprechen. Kognitive Defizite und Entwicklungsverzögerungen sind zum Teil bei Kindern zu finden, welche später an einer Psychose erkranken. Allerdings existieren keine Nachweise dafür, dass in der Übergangsphase zu einer Psychose sowie danach ein geistiger Leistungsabfall stattfindet.

 

Zipursky und seine Kollegen (2013) fanden weder aus den bildgebenden und neurokognitiven Längsschnitt-Studien, noch aus klinischen Verläufen eindeutige Evidenz, welche die Idee von Schizophrenie als einer progredienten Hirnerkrankung stützen würde. Ohne Zweifel erleben viele Betroffene massive Einbußen in unterschiedlichen Lebensbereichen. Dabei ist es an erster Stelle sehr wichtig für die Patienten, deren Angehörige und professionelle Behandler zu erkennen, dass die Abnahme des Funktionsniveaus kein zwangsläufiger Teil des Krankheitsverlaufs darstellt! Weitere Untersuchungen sind sicherlich nötig, um zu entscheiden, ob bestimmte degenerative zentralnervöse Änderungen vor der Syndromentwicklung stattfinden. Die schwerwiegenden sozialen Spätfolgen der psychotischen Erkrankungen wie Obdachlosigkeit, Armut, Arbeitslosigkeit und Hospitalisierung resultieren jedoch nicht aus einem neurodegenerativen Prozess, sondern aus der Fehlversorgung und Fehlintegration der Betroffenen.

 

Olga Shmuilovich

 

 

Literaturverzeichnis:

Zipursky, R. B., Reilly, T. J., & Murray, R. M. (2013). The myth of schizophrenia as a progressive brain disease. Schizophrenia Bulletin, 39(6), 1363-1372. doi:10.1093/schbul/sbs135