Rechtspsychologie

I. Weiterentwicklung der Merkmalsorientierten Inhaltsanalyse als Methode zur Unterscheidung zwischen wahren und erfundenen Aussagen

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

 

Ziel: Überprüfung der theoretisch angenommenen Wirkmechanismen der Merkmalsorientierten Inhaltsanalyse / Spezifizierung der Effekte von interindividuellen Unterschieden auf die Qualität wahrer und erfundener Darstellungen

Auf der Basis theoretischer Überlegungen und vorliegender empirischer Erkenntnisse ist von Volbert & Steller (2014) eine Modifikation des klassischen inhaltlichen Merkmalkatalogs vorgeschlagen worden.  Im Teilprojekt I soll die Validität der neuen Merkmalseinteilung, im Teilprojekt II sollen die Effekte interindividueller Unterschiede auf die Aussagequalität von wahren und erfundenen Darstellungen überprüft werden.

 

I. Wenn Erinnerung vorgetäuscht wird: Theoretische Prämissen der Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

Die Validität dieser Merkmalseinteilung in drei Hauptskalen–namentlich erinnerungsbezogen, schemauntypisch und strategiebezogen–soll mittels einer Simulationsuntersuchung geprüft werden. Dafür werden theorierelevante Prozessanforderungen und motivational-strategische Rahmenbedingungen durch die Untersuchungsvariablen Wahrheitsstatus (wahr vs. erfunden), Anreize zur Selbstpräsentation (gegeben vs. nicht gegeben) und strategisches Täuschungswissen (geschult vs. nicht geschult) systematisch manipuliert.

 

II. Die Bedeutung interindividueller Unterschiede für die Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

Personenspezifische Einflüsse können in verschiedener Hinsicht Bedeutung haben, nämlich im Hinblick auf a) die Entscheidung, falsche Angaben zu machen, b) die Art und Weise, wie ein tatsächliches Erlebnis wiedergegeben wird, c) die Fähigkeit, eine komplexe Aussage zu erfinden und d) die Überzeugungskraft, mit der eine Darstellung in einer Befragungssituation – abhängig oder auch unabhängig vom Wahrheitsstatus der Aussage – kommuniziert wird. Im Rahmen von Einzeluntersuchungen werden unterschiedlichen Formen von personenspezifischen Einflüssen auf die Aussage und die Glaubhaftigkeitsbeurteilung erfasst.

 

III. Baselining als Methode zur Verbesserung der Unterscheidung zwischen wahren und erfundenen Aussagen

Es soll geprüft werden, ob die in der Begutachtung etablierte Methodik der Verhaltensproben tatsächlich die Unterscheidung von wahren und erfundenen Aussagen begünstigt. Untersucht wird, ob Trefferquoten sich in Abhängigkeit davon unterscheiden, ob Beurteiler zuvor keine, eine wahre, eine erfundene oder sowohl eine wahre als auch eine erfundene Verhaltensprobe derselben Person gelesen haben.

 

Mitarbeiter:

Projekt I: Benjamin Maier (Doktorand FU Berlin / Stipendiat der Elsa-Neumann-Stiftung);

Projekt II: Nina Heering, geb. Stieler (Doktorandin FU Berlin);

Projekt III: Jonas Schemmel (Doktorand HU Berlin / Stipendiat der Elsa-Neumann-Stiftung);

 

Kooperationspartner:

Projekt I: Prof. Dr. Susanna Niehaus (Hochschule Luzern – Soziale Arbeit; Schweiz)

Projekt II/III: Prof. Dr. Mathias Ziegler (HU Berlin)

 

Zeitperspektive:

Projekt I: April 2016 – April 2019

Projekt II:  April 2015 – März 2017

Projekt III: Juni 2016 – Mai 2019

 

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Schlagwörter: Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse, Aussagequalität, Glaubhaftigkeitsbegutachtung, CBCA, Individueller Darstellungsstil

 

Publikationen:

Volbert, R. & Heering, N. (im Druck). Beglaubigen: Lassen sich erfundene und erlebnisbasierte Darstellungen unterscheiden? In M. Martínez (Hrsg.), Handbuch Erzählen. Stuttgart/Weimar: Verlag J.B. Metzler.

Heering, N. & Volbert, R. (2017). The individual depictive style: Individual differences in narrating personal experiences. Applied Cognitive Psychology, 31, 216-224.

Schemmel, J. & Volbert, R. (2017). Gibt es eine personenspezifische Aussagequalität? Die Konsistenz der Qualität von wahren und erfundenen Aussagen einer Person zu verschiedenen Ereignissen. Praxis der Rechtspsychologie, 27, 79-104.

Volbert, R. & Steller, M. (2014). Is this testimony truthful, fabricated, or based on false memory? Credibility assessment 25 years after Steller and Köhnken (1989). European Psychologist, 19, 207-220.

 

 

 

 

II. Vernehmung und Aussageverhalten von Beschuldigten

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

 

Ziel: Identifizierung von Rahmenbedingungen polizeilicher Beschuldigtenvernehmungen, die falsche Geständnisse begünstigen

 

Einzelne medienträchtige Fälle und internationale systematische Analysen von Wiederaufnahmefällen haben gezeigt, dass es auch bei schwerwiegenden Tatvorwürfen zu falschen Geständnissen kommen kann. Die Identifizierung von  Vernehmungstechniken und Rahmenbedingungen, die die Gefahr falscher Geständnisse erhöhen, erlaubt im Umkehrschluss die Weiterentwicklung von Ansätzen, mit denen diese unerwünschten Effekte vermieden werden können. In verschiedenen Einzeluntersuchungen geht es um den Effekt von polizeilicher Befragung auf das Aussageverhalten von Beschuldigten. Mit einer Vignettenstudie wurde der Effekt der gewählten Teststrategie auf die Befragungstechnik geprüft. Im Feld sind in Pilotprojekten bereits Befragungen von Polizeibeamten und Maßregelvollzugspatienten durchgeführt worden. Aktuell durchgeführt wird eine Befragung von Verurteilten zu ihrem polizeilichen Aussageverhalten.

 

Kooperationspartner: Dipl.-Psych. Lennart May (CAU Kiel); Dr. med. Steffen Lau, Klinik für Forensische Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (Schweiz)

 

Zeitperspektive:  Januar 2015 – September 2017

 

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Schlagwörter: Beschuldigtenvernehmung, falsche Geständnisse

 

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Publikationen:

Volbert, R. & May, L. (2016). Falsche Geständnisse in polizeilichen Vernehmungen – Vernehmungsfehler oder immanente Gefahr? Recht & Psychiatrie, 34, 4-10.

Volbert, R. & Baker, B. (2015). Investigative interviewing of suspects in Germany: Defining only not what to do. In D. Walsh, G. Osburgh, A. Redlich & T. Myklebust (Eds.), Contemporary developments and practices in investigative interviewing and interrogation: An international perspective. Volume II: Suspected offenders (pp. 138-147) . London: Routledge.

 

 

 

 

III. Befragung von Minderjährigen bei Verdacht auf Missbrauch und Misshandlung

 

Leitung: Prof. Dr. Susanna Niehaus, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit (Schweiz) & Prof. Dr. Renate Volbert

 

Ziel: Identifizierung von Rahmenbedingungen, die Minderjährigen eine optimale Aussageleistung ermöglicht und zugleich unnötige Belastung vermeidet

 

Vernehmung: Auf der Basis empirischer entwicklungspsychologischer Erkenntnisse wurde eine praxisnahe Anleitung zu einer entwicklungsgerechten Befragung von Kindern im Strafverfahren ausgearbeitet.

Vermeidung von Belastung: In einer ländervergleichenden Online-Studie wurden in der Opferhilfe tätige Personen (Deutschland, Österreich, deutschsprachige Schweiz) zu der eingeschätzten Belastung von minderjährigen Geschädigte durch Strafverfahren befragt. Ziel war es, langfristige Verfahrenszufriedenheit in Abhängigkeit von vorhandenen Maßnahmen zu verfahrensbezogener aktueller Belastungsreduktion zu erfassen, da in diesen drei Ländern sehr unterschiedliche Regelungen im Hinblick auf minderjährige Geschädigten existieren.

 

Kooperation: Prof. Dr. Jörg Fegert (Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm)

 

Zeitperspektive:  Januar 2015 – März 2017

 

Schlagwörter: Minderjährige Zeugen, Vernehmung, Strafverfahren

 

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Publikationen:

Volbert, R. (im Druck). Belastungen für minderjährige Zeuginnen und Zeugen in Strafverfahren: Viele Reformen und keine Veränderung? In F. Fastie (Hg.), Opferschutz im Strafverfahren. (3. überarbeitete Auflage). Opladen: Budrich.

Niehaus, S., Volbert, R. & Fegert, J. (2017). Entwicklungsgerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren. Heidelberg: Springer.

Volbert, R. (2015). Gesprächsführung mit von sexuellem Missbrauch betroffenen Kindern und Jugendlichen. In J. M. Fegert, U. Hoffmann, E. König, J. Niehues, & H. Liebhardt (Eds.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich (pp. 185–194). Berlin: Springer.

Volbert, R. & Baker, B. (2015). Investigative interviewing of witnesses in Germany: When law is better than practice. In D. Walsh, G. Osburgh, A. Redlich & T. Myklebust (Eds.), Contemporary developments and practices in investigative interviewing and interrogation: An international perspective. Volume I: Victims and witnesses (pp. 152 – 162). London: Routledge.

Volbert, R., Skupin, L. & Niehaus, S. (in Vorb.). Auswirkungen von Strafverfahren auf minderjährige Zeugen – Eine Befragung von in der Opferhilfe Tätigen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.