Rechtspsychologie

Weiterentwicklung der Merkmalsorientierten Inhaltsanalyse als Methode zur Unterscheidung zwischen wahren und erfundenen Aussagen

 

Wenn Erinnerung vorgetäuscht wird: Theoretische Prämissen der merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

Auf der Basis theoretischer Überlegungen wird eine Modifikation des klassischen inhaltlichen Merkmalkatalogs von Steller und Köhnken (1989) vorgeschlagen, die auch eine Gewichtung von inhaltlichen Merkmalen erlaubt. In einer ersten empirischen Überprüfung des Modells anhand von 61 wahren Aussagen zeigte sich eine Faktorenstruktur, die der theoretisch vermuteten nahekommt. Logistische Regressionen bestätigten den angenommenen höheren prädiktiven Wert der Komponenten skriptabweichende Details, plastische Details und erinnerungsbezogene Defizite im Vergleich zu episodischen Gedächtnisinhalten, welche leichter von lügenden Personen integriert werden konnten. Eine ROC-Analyse und Betrachtung von Sensitivität und Spezifität der einzelnen Realkennzeichen stützt diese Ergebnisse und zeigten die höhere Diagnostizität dieser Komponenten auf.

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Publikationen:

Volbert, R., Hoff, K. & Lehmann, R. (in prep.) Criteria-Based Content Analysis: Empirical analysis of diagnostic value and latent structures.

Volbert, R. & Steller, M. (2014). Is this testimony truthful, fabricated, or based on false memory? Credibility assessment 25 years after Steller and Köhnken (1989). European Psychologist, 19, 207-220.

 

 

Die Bedeutung interindividueller Unterschiede für die Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

Die Methodik der Glaubhaftigkeitsbegutachtung sieht vor, dass Glaubhaftigkeits-entscheidungen nicht auf der Basis reiner Realkennzeichenkodierungen vorgenommen, sondern dass personale Merkmale des Aussagenden hierbei berücksichtigt werden. Personenspezifische Einflüsse können in verschiedener Hinsicht Bedeutung, nämlich im Hinblick auf a) die Entscheidung, falsche Angaben zu machen, b) die Art und Weise, wie ein tatsächlichen Erlebnis wiedergegeben gibt, c) die Fähigkeit, eine komplexe Aussage zu erfinden und d) die Überzeugungskraft, mit der eine Darstellung in einer Befragungssituation – abhängig oder auch unabhängig vom Wahrheitsstatus der Aussage – kommuniziert. Bisher dominieren in der empirischen Forschung jedoch Gruppenvergleiche ohne Berücksichtigung differentieller Aspekte.

 

In diesem Projekt werden – bisher im Rahmen von Einzeluntersuchungen – unterschiedlichen Formen von personenspezifischen Einflüssen auf die Aussage und die Glaubhaftigkeitsbeurteilung erfasst; Teilprojekte u.a.:

  • Der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Aussagequalität (Gröpler, 2015, Diplomarbeit, Universität Potsdam)
  • Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der Einschätzung der eigenen Lügenfähigkeit und ihr Einfluss auf die Glaubhaftigkeit einer Aussage (Stibor, 2015, Diplomarbeit HU)
  • Zur differentiellen Gültigkeit der Undeutsch-Hypothese (Schemmel, 2015; Diplomarbeit HU Berlin)
  • Der individuelle Darstellungsstil – Entwicklung eines Instruments zur Erfassung rechtspsychologisch relevanter Merkmale von Erzählstilen (Stieler, 2013, Masterarbeit FU Berlin)

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

 

Publikationen:

Stieler, N. & Volbert, R. (in prep.) The individual depictive style: Individual differences in narrating personal experiences.

Stibor, I., Beng, B. & Volbert (2014). Who’s a Good Liar? The Significance of the Dark Triad and Other Personality Characteristics. Poster presented at the Annual Conference of the European Association of Psychology and Law (EAPL), June, 24-27, 2014 St. Petersburg, Russland.

Volbert, R. & Lau, S. (2013). Unspezifität des autobiographischen Gedächtnisses bei Depressiven – Konsequenzen für die Aussagequalität. Praxis der Rechtspsychologie,23, 54-71.

 

 

Vernehmung und Aussageverhalten von Beschuldigten

Einzelne medienträchtige Fälle und internationale systematische Analysen von Wiederaufnahmefällen haben gezeigt, dass es auch bei schwerwiegenden Tatvorwürfen zu falschen Geständnissen kommen kann. Mittlerweile konnten Vernehmungstechniken identifiziert werden, die die Gefahr falscher Geständnisse erhöhen, was im Umkehrschluss erlaubt, Ansätze weiterzuentwickeln, mit denen diese unerwünschten Effekte vermieden werden können. In Deutschland ist systematische empirische Forschung zur polizeilichen Vernehmung bislang allerdings kaum existent. In diesem Projekt geht es um die Erfassung des Verhältnisses von polizeilicher Befragung und Aussageverhalten von Beschuldigten. In Pilotprojekten sind hierzu u.a. bereits Befragungen von Polizeibeamten und Maßregelvollzugspatienten durchgeführt worden. Geplant ist eine Befragung einer größeren Stichprobe von Polizeibeamten in verschiedenen Bundesländern sowie von Maßregelvollzugspatienten und Inhaftierten.

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

Kooperation: Dr. med. Steffen Lau, Klinik für Forensische Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (Schweiz)

 

Publikationen:

Volbert, R. & Baker, B. (in press). Investigative interviewing of suspects in Germany: Defining only not what to do. In D. Walsh, G. Osburgh, A. Redlich & T. Myklebust (Eds.), Contemporary developments and practices in investigative interviewing and interrogation: An international perspective. Volume II: Suspected offenders. London: Routledge.

 

Volbert, R. (2014). Falsche Geständnisse, beredtes Schweigen und zutreffendes Leugnen. Vortrag gehalten auf der 18. Berliner Junitagung für Forensische Psychiatrie und Psychologie, 13.6.2014, Berlin.

 

Volbert, R. & Stuck, S. (2013) Can truthful confessions be differentiated from police-induced false confessions? Paper presented at the Annual Conference of the International Investigative Interviewing Research Group, July, 1-3, 2014, Maastricht, The Netherlands.

 

Volbert, R. (2013). Falsche Geständnisse: Über die möglichen Auswirkungen von Voreinstellung, Vernehmung und Verständigung. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie,7, 230-239.

 

Volbert, R. & Steller, M. (2012). Aussagepsychologische Begutachtung von Geständnissen. In E. Yundina, S., Stübner, M. Hollweg & C. Stadtland (Hrsg.), Forensische Psychiatrie als interdisziplinäre Wissenschaft (Festschrift zum Geburtstag von Norbert Nedopil) (S. 315-329). Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.

 

Volbert, R. (2012). Falsche Geständnisse: Häufigkeit. Entstehungsbedingungen. Beurteilung. In. R. Egg (Hrsg.) Psychologisch-psychiatrische Begutachtung in der Strafjustiz (S. 69-90) Wiesbaden: Eigenverlag Kriminologische Zentralstelle.

 

Volbert, R. & Lau, S. (2011). Geständnisverhalten von Maßregelvollzugspatienten. Vortrag gehalten auf der Arbeitstagung der Fachgruppe Rechtspsychologie der DGPs, 22.-24.09.2011, Münster.

 

Effekte von Strafverfahren auf das Befinden Geschädigter

Eine angemessene Auseinandersetzung mit der Fragestellung, ob Strafverfahren regelmäßig negative Effekte auf das psychische Befinden von Geschädigten haben oder ob sie sich im Sinne einer Entlastungs- und Erledigungsfunktion auch positiv auswirken können, setzt voraus, dass potentiell belastende Verfahrensaspekte spezifiziert werden und geprüft wird, ob sie verfahrensimmanent oder durch Qualifikation von in Strafverfahren beteiligten Personen oder durch strafprozessuale Reformen vermeidbar sind. Zu unterscheiden ist auch zwischen passagere psychische Belastungen (insbesondere durch eine ausführliche Darstellung des Delikts und eine kritische Befragung) und langfristige Effekte. Bisherige Maßnahmen zum Opferschutz zielen überwiegend auf eine Reduktion passagerer Belastungen ab. Strafprozessuale Modifikationen, die auf eine Reduktion von kurzfristiger Belastung orientiert sind, haben aber eventuell langfristig negative Effekte für Geschädigte, falls sie sich im Ergebnis einschränkend auf die Ermittlungs- und Aufklärungsmöglichkeiten auswirken. Unzufriedenheit mit dem Verfahrensausgang hat sich nämlich in verschiedenen Studien als ein bedeutsamer Prädiktor für die subjektive langfristige Bewertung erwiesen, das Verfahren habe sich negativ auf das psychische Befinden ausgewirkt.

In einer ländervergleichenden Online-Studie wurden in der Opferhilfe tätige Personen (Deutschland, Österreich, deutschsprachige Schweiz) zu der eingeschätzten Belastung von minderjährigen Geschädigte durch Strafverfahren befragt. Ziel war es, langfristige Verfahrenszufriedenheit in Abhängigkeit von vorhandenen Maßnahmen zu verfahrensbezogener aktueller Belastungsreduktion zu erfassen, da in diesen drei Ländern sehr unterschiedliche Regelungen im Hinblick auf minderjährige Geschädigten existieren.

 

Leitung: Prof. Dr. Renate Volbert

Kontakt: r.volbert@psychologische-hochschule.de

Kooperation: Prof. Dr. Susanna Niehaus, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit (Schweiz)

 

Publikationen:

Volbert, R., Skupin, L. & Niehaus, S. (in Vorb). Die Belastung minderjähriger Geschädigter durch Strafverfahren. Ein Vergleich zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Volbert, R. (2012). Geschädigte im Strafverfahren: Positive Effekte oder sekundäre Viktimisierung? In S. Barton & R. Kölbel (Hrsg.), Ambivalenzen der Opferzuwendung des Strafrechts (S. 197-212). Baden-Baden: Nomos.

 

Volbert, R. (2012). Sekundäre Viktimisierung: Alte Klagen – neue Erkenntnisse? In H. Pollähne & I. Rode (Hrsg.), Opfer im Blickpunkt – Angeklagte im Abseits? Probleme und Chancen zunehmender Orientierung auf die Verletzten in Prozess, Therapie und Vollzug (S. 149-163). Münster: LitVerlag.